Feuerwehr anno dazumal: Mit Pferdegespann und Handdruckspritze zum Löscheinsatz

Feuerwehrmuseum Kirchlengern-Häver vor 20 Jahren gegründet

Seit zwei Jahrzehnten besteht das Feuerwehrmuseum in Kirchlengern nun schon. Zur Jubiläumsfeier am 18. und 19. September kamen die Liebhaber von alten Feuerwehrautos, historischen Löschgeräten und Uniformen voll auf ihre Kosten. So lockten Extraführungen und historische Löschübungen zahlreiche Besucher auf das Museumsgelände. Ein besonderes Highlight war zweifellos die Oldtimerschau. Zahlreiche Sammler waren dazu mit ihren Feuerwehr-Raritäten in die Elsegemeinde gekommen.
 
 
 Mit "2 PS" zum Löscheinsatz.
 
 
Am Samstagnachmittag bläst Hans Kleemeier als „Hornist“ Alarm. Der Museumsleiter trägt eine stilechte Uniform und eine lederne „Pickelhaube“ mit Preußenabzeichen, ganz so wie Feuerwehrleute Anfang des letzten Jahrhunderts gekleidet waren. Wenig später ist die  Mannschaft mit dem Pferdegespann unterwegs. Die Rappen ziehen eine historische Handdruckspritze: Gemeinde Hepstedt, 1926 ist darauf zu lesen. Dann lassen die Männer ihre Muskeln an der Pumpe spielen. Doch das alte Stück verweigert zunächst seine Dienste. Eine Ringmutter am Druckzylinder hat sich gelöst, so stellt sich nach kurzer Zeit heraus. Der Schaden wird in aller Eile behoben. Feuerwehrleute sind schließlich handwerklich geschickt und können vor allem improvisieren, das war vor 100 Jahren sicherlich genauso, wie heutzutage. Schließlich strömt das Wasser aus dem (historischen) Strahlrohr und die „Löscharbeiten“ können beginnen. Von den Zuschauern gibt es für soviel Einsatz verdienten Applaus.
 
 
Die "Spritze" streikt: Hans Kleemeier (m) weiß rat!
 
„Die  Handdruckspritze hat eine Förderleistung von 400 Litern in der Minute“, ist von Hans Kleemeier später zu erfahren. Bis Mitte der 50er Jahre seien solche Pumpen aus Kostengründen vielerorts noch im Einsatz gewesen. Im Museumsbestand befinden sich im Übrigen alle noch existierenden Handdruckspritzen aus dem Kreis Herford. Ausgestellt sind unter anderem  die Spritzen aus Spenge, Bünde-Holsen und Löhne-Wittel. Der ganze Stolz des Museumsleiters ist jedoch eine pferdegezogene Drehleiter der Firma Magirus aus Ulm, die im Jahr 1903 gebaut wurde und bei der Berufsfeuerwehr Mainz im Einsatz war. Die Leiter habe eine Länge von 23 Metern, so Kleemeier. Das zwei Tonnen schwere Gefährt sei samt der sechsköpfigen Besatzung von einem Vierspänner gezogen worden. „Von dieser Leiter gibt es nur noch drei Exemplare weltweit!“ Insgesamt 19 Drehleitern aus den Jahren 1880 – 1970 gehören  zur geschichtsträchtigen Feuerwehrsammlung in Kirchlengern-Häver. Sie bilden damit einen besonderen Schwerpunkt der Ausstellung, die in einem umgebauten Bauernhaus untergebracht ist. Insgesamt werden 5.000 Sammlerstücke auf rund 1.000 Quadratmetern gezeigt.
 
 
 
 Museumsleiter Hans Kleemeier (l) neben Kommentator Harald Sauerwald (Fw Bünde)
 
Die Exponate, wie beispielsweise der Rauchhelm-Atemschutzapparat aus dem Jahr 1930, sind, wie zahlreiche weitere Uniformen aus den verschiedenen Zeitepochen, in realistischen Situationen aufgebaut. Zu sehen gibt es auch ein125er DKW-Motorrad, mit dem ein Kradmelder in den 50er Jahren unterwegs gewesen sein mag und einen Deutz-Traktor mit Tragkraftspritzenanhänger der Firma Ziegler aus dem Jahr 1935. Insgesamt 33 motorisierte Fahrzeuge gehören zum Bestand des Museums. Einige der Oldtimer haben über viele Jahre zuverlässige (Feuerwehr-) Dienste im Kreis Herford geleistet. Das gilt beispielsweise für den Ford Taunus-Transit (FK 1000), einem Tragkraftspritzenfahrzeug mit Schlingmann-Ausbau, das 1963 bei der Feuerwehr Enger in Dienst gestellt wurde. Aber auch der Schlauchkraftwagen auf Magirus Fahrgestell mit Kofferaufbau aus den 60er Jahren war lange Zeit bei der Feuerwehr Bünde-Hunnebrock im Einsatz.
Ebenso wird ein besonders gepflegter Bulli (T 2) aus dem Jahr 1973 präsentiert, der bis vor kurzem als Tragkraftspritzenfahrzeug zur Betriebsfeuerwehr der Firma Arnold André in Bünde gehörte. Besonderes Highlight des Feuerwehrmuseums an der Else ist ein kompletter Rundhauber-Löschzug von Magirus-Deutz aus den 60er Jahren, bestehend aus Tanklöschfahrzeug 16, Löschgruppenfahrzeug 16-TS und Drehleiter 25 plus 2 mit Staffelkabine. „Solche Löschzüge gibt es nur noch in ganz geringer Zahl!“, so Hans Kleemeier. Die ebenfalls zur Ausstellung gehörende 18-Meter-Drehleiter auf Hanomag-Fahrgestell (Baujahr 1954 mit 55 PS)  bezeichnete der Museumschef als ein Unikat.
 
 
Während des Jubiläumsfestes waren zahlreiche Sammler und Abordnungen befreundeter Feuerwehrmuseen mit ihren Fahrzeugraritäten vor Ort. So reisten die Oldtimerfreunde von der Feuerwehr Gütersloh mit einer besonders liebevoll restaurierten Drehleiter (Typ Magirus DL 25 plus 2) aus dem Jahre 1952 und einem Tanklöschfahrzeug 8/8 auf Unimog 404 Fahrgestell nach Häver. Die Feuerwehrfreunde aus Lüneburg zeigten ein Tanklöschfahrzeug 16 auf Magirus-Fahrgestell mit offenem Pumpenstand, das im Jahr 1955 als erstes Auto dieses Typs an eine Freiwillige Feuerwehr ausgeliefert wurde.
Das wohl außergewöhnlichste Stück präsentierte Thomas Knauf, der eine Kraftfahrspritze 25 (KS 25)  aus seiner Fahrzeug- und Gerätesammlung mitgebracht hatte. Das „Ungetüm“  der Marke Magirus-Deutz (Sechszylinder-Diesel mit 125 PS) war im Jahr 1940 vom Reichsluftfahrtministerium in Berlin in Auftrag gegeben worden. „Das Ministerium unterhielt nämlich den so genannten Sicherheits- und Hilfsdienst (SHD), der für alle Aufgaben im Rahmen der Zivilverteidigung und des Luftschutzes zuständig war“, erläuterte Thomas Knauf. Nach den verheerenden Luftangriffen auf deutsche Städte erfolgte eine Neustrukturierung. Aus dem SHD wurde die Luftschutzpolizei, die ab dem Jahr 1942 neben der Feuerschutzpolizei für den Bevölkerungsschutz zuständig war. Das Fahrzeug mit der laufenden Nummer 737 sei während des Krieges wahrscheinlich im Ruhrgebiet  stationiert gewesen, so Thomas  Knauf. „Diese Vermutung liegt nahe, denn das  Schwesterfahrzeug, die KS 25 – 726 des SHD war in Dortmund im Einsatz. Das belegen alte Fotodokumente.“ Der Sammler aus dem lippischen Lage hat den „Kriegsveteranen“ 1996 vom Deutschen Feuerwehrmuseum in Fulda erworben und in mehr als drei Jahren vollständig restauriert. Jetzt befindet sich der Neuntonner (Löschmittelvorrat 300 Liter Wasser und 60 Liter Schaummittel) wieder im Original-Auslieferungszustand. Dazu gehören die unverkennbare graue Lackierung, aber auch die Gasabwehrgeräte und Schaumgießgestänge auf dem Dach.
 
 
 Die 23-Meter-Drehleiter aus dem Jahr 1903 wurde von 4 Rappen gezogen.
 
Lange Jahre war das Feuerwehrmuseum Kirchlengern im Keller der Grundschule in Quernheim untergebracht. Schon bald waren diese Räumlichkeiten nicht mehr ausreichend, um die gesamte Sammlung der Öffentlichkeit zu präsentieren. Im Jahr 2003 erfolgte schließlich der Umzug in den Bauernhof „Meier Nr.1“ in Häver. „26.448 Stunden wurden bisher in Eigenleistung erbracht, um das Gehöft in ein Feuerwehrmuseum umzubauen“, sagte Hans Kleemeier mit Stolz. Das Ergebnis dieses beispiellosen Einsatzes ist wirklich bemerkenswert. Davon konnten sich alle Besucher am „Tag der offenen Tür“ überzeugen.

Hinweis: Das Museum hat an jedem ersten und letzten Sonntag im Monat geöffnet.

 

Von Jens Vogelsang
(Text u. Fotos)
 

 


"Deutz-Zugpferd" mit TS-Anhänger von Ziegler aus den 30er Jahren

 

 
 
Ausgemusterter „Bulli“ der Betriebsfeuerwehr Arnold André
 

Hat der Fw Enger lange gute Dienste erwiesen: Ford Taunus-Transit als TSF
(Bj. 1963)

 
 
 
Sehr gepflegt: Das alte TLF der LG Stift-Quernheim/Klosterbauerschaft
 
 
Die DL 17 auf Hanomag-Fahrgestell (Bj. 1954) ist ein Unikat.
 
 
Magirus-Drehleiter 25+2 aus dem Jahr 1952 der Oldtimerfreunde aus Gütersloh

 
Ehemaliges Kat-Fahrzeug aus dem Jahr 1956: TLF 8/8 auf Unimog 404 (Aufbau
Harmening, Bückeburg)


 
Rarität aus Lüneburg: Magirus-Deutz als TLF 16 (Bj. 1955) mit …
 
 
… Nachkriegskennzeichen (BN für Britische-Zone Niedersachsen)
 
 
Die Kraftfahrspritze 25 – 737 aus dem Jahr 1940 in luftwaffengrauer Lackierung …
 
 
… war während des Krieges vermutlich im Ruhrgebiet stationiert.
 
 
Thomas Knauf: „Das Fahrzeug wurde laut Typenschild vom Luftfahrtministerium bestellt.“

 
Winkerkelle u. Kübelspritze: Es stimmt jedes Detail!
 
 
Die Fahrerkabine wurde ebenfalls sorgfältig aufgearbeitet.
 
 
Drehleiter 25h der Fa. Metz auf Daimler-Benz Fahrgestell (Bj. 1961)
 
 
Blitz neben Stern: LF 8 von Opel (Bj. 1970) u. Mercedes-Benz (L 319, Bj. 1963)
 
 
Ebenfalls im Top-Zustand: TLF 15/50 (Bj. 1954) auf Magirus-Deutz-Fahrgestell
der Oldtimerfreunde aus Bielefeld

 
 
 
 
 
LF 8 der Ford-Werke Köln aus dem Jahr 1960 mit Bachert-Aufbau

 
Und er läuft u. läuft: TLF 16/53 der Oldtimerfreunde aus Stadthagen (Bj. 1957)
 

Ehemaliges Fahrzeug des Bahnbetriebswerks Saarbrücken: Magirus-Mercur auf
Allradfahrgestell mit luftgekühltem V6-Motor aus dem Jahr 1962

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