Die geballte Feuerwehrkompetenz

Magirus Group hat Standort Ulm in eine moderne Feuerwehrfabrik umgebaut

DSC 0133Ulm (BW). Magirus und Ulm, der Feuerwehrgerätehersteller und die Stadt an der Donau, sie sind seit fast 150 Jahren miteinander verbunden. Das Unternehmen, das heute unter dem Dach des Fiatkonzerns arbeitet, hat in den vergangenen Monaten einen tief greifenden Umstrukturierungsprozess hinter sich gebracht. Die Produktion von Feuerwehrfahrzeugen wurde am Standort Ulm konzentriert; ein Brandschutz-Kompetenzzentrum befindet sich im Aufbau. Die Investitionskosten beziffert das Unternehmen auf insgesamt etwa 40 Millionen Euro. Jens Vogelsang vom KFV-Herford hatte Gelegenheit, sich die Fertigung vor Ort anzusehen.

Das Magirus-Werk im Donautal galt bei seiner Eröffnung Anfang der 70er Jahre als modernste LKW-Fabrik Europas. Die Fahrzeuge mit der Silhouette des Ulmer Münsters im Kühlergrill waren hier produziert worden und später die Lastwagen des Iveco-Konzerns. Im August 2012 hatte Iveco die Lastwagenproduktion in Ulm beendet und vollständig nach Madrid verlagert. Eine Sattelzugmaschine vom Typ Stralis war als letztes Fahrzeug vom Band gelaufen. Dieser tiefe Einschnitt scheint mittlerweile überwunden zu sein. Innerhalb von neun Monaten entstand in dem einstigen LKW-Werk eine moderne Produktionsanlage für Löschfahrzeuge. Die Standorte in Weisweil und Görlitz mussten dafür allerdings aufgegeben werden. Die Drehleiterfertigung, sie hat das Unternehmen Magirus weltweit bekannt gemacht, war bereits im Jahr 2007 von Ulm-Weststadt ins Donautal verlagert worden. Hier ist jetzt quasi die gesamte Kompetenz des Unternehmens in Sachen Brandschutztechnik, von der Entwicklung über die Produktion bis hin zur Auslieferung und Kundenbetreuung, gebündelt.
 
Von einer Stahlbrücke aus fällt der Blick auf die vier Montagelinien in der Fabrikhalle. Feuerwehrautos, die schon fast komplett wirken, stehen in allen Variationen dicht gedrängt hintereinander. Es scheint so, als werde dort unten am Fließband gearbeitet. Doch dieser Eindruck trüge, sagt Alfred Bidlingmaier, Marketingmanager bei Magirus. „Jedes Feuerwehrauto ist ein Unikat und wird genau nach den Wünschen der Kunden überwiegend in Handarbeit hergestellt.“ Auf den beiden mittleren Linien, erläutert Bidlingmaier, würden hauptsächlich Einzelbestellungen von aufwändigen Einsatzfahrzeugen, wie das HLF 20 oder TLF 4000, produziert. Während für die Fertigung von Kleinlöschfahrzeugen und die Erledigung von Großaufträgen die äußeren „Straßen“ genutzt würden. In fast 600 Meter Entfernung, am anderen Ende der riesigen Halle, beginnt der Fertigungsprozess. Dort werden die Profile und Paneele vorbereitet, Bleche zugeschnitten und abgekantet. Daraus entsteht das Aluminium-Aufbausystem AluFire, auf das man bei Magirus besonders stolz ist. Zwölf unterschiedliche Profile und Paneele, so Bidlingmaier, fänden für das selbst tragende Aluminium-Gerippe Verwendung. Sie seien mit Winkeln verbunden. Diese Keilnuten würden aufgeschoben und danach fest verschraubt, demonstriert der Manager. Später erfolge die Verkleidung mit Aluminiumblechen. „Das System ist mit der Holzfachwerkbauweise vergleichbar!“ 1986 hat Magirus einen solchen flexiblen Rahmen, der genau nach Kundenwunsch individuell  einstellbar ist, erstmals vorgestellt. Zwei Jahre später ist das System in Serie gegangen. Die starren, geschweißten Stahlaufbauten, die bis dahin den Feuerwehrfahrzeugbau prägten, gehörten bei Magirus von da an der Vergangenheit an. Mittlerweile produzieren die Ulmer ihr System in der weiter verfeinerten Evolutionsstufe 3.
Im weiteren Verlauf des Produktionsprozesses ist gut zu sehen, wie Tank und Pumpe zunächst auf einem Modulrahmen montiert werden, der mit Dämpfungselementen versehen ist und eine flexible Anordnung der Bauteile zulässt. Die Pumpentechnik ist bereits zuvor in einer Seitenlinie individuell nach Kundenvorgabe aus Gehäuse, Entlüftungseinrichtung, Druckverteiler und evtl. Hochdruckeinrichtung zusammengestellt worden. Der Modulrahmen wird nun mit dem aufbereiteten Fahrgestell verbunden und anschließend der Aluminiumaufbau mit Hilfe einer Deckenseilwinde darüber gestülpt. Damit ist die „Hochzeit“ vollzogen. In vielen weiteren Arbeitschritten erfolgen anschließend die Verkabelung des Aufbaus in Verbindung mit dem Einbau des Splittermoduls, die Montage der Rollläden, Klapptritte und Aufstiegsleiter. Außerdem bekommt das künftige Einsatzfahrzeug seine individuelle farbliche Gestaltung. Dazu gibt es zwar eine Lackierkabine; 95 Prozent der Kunden wünsche allerdings eine Folienbeklebung, die ebenso haltbar sei, sagt Magirus-Mann Bidlingmaier. Am Ende des Produktionsprozesses steht der Finishbereich, wo zunächst das endgültige Leergewicht jedes Löschboliden festgestellt wird. Am Pumpen-, Brems- und Rollenprüfstand erfolgen Funktionstests und die Feinjustierung bzw. Kalibrierung der Technik wird vorgenommen. Danach steht noch die interne Qualitätssicherung auf dem Programm, bevor das einsatzbereite Feuerwehrauto zur kaufmännischen Abnahme gelangt und schließlich der Kundschaft übergeben wird. Rund zwölf Monate vergingen vom Auftragseingang bis zur Auslieferung im Durchschnitt, sagt Alfred Bidlingmaier. Die Konstruktionszeichnungen, Disposition der Bauteile und der eigentliche Fertigungsprozess nähmen diesen Zeitraum in Anspruch.

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Die „Hochzeit“ ist vollzogen: Tank und Pumpe wurden auf einem flexiblen Rahmen mit dem
Fahrgestell verbunden und der Aluminiumaufbau darüber gestülpt. (Foto © KFV Herford)

Mehr als 1000 Mitarbeiter beschäftigt die Magirus Group in Ulm, darunter viele aus der früheren Lastwagenproduktion. Hinzu kommen die etwa 200 Fachleute in der Entwicklungs- und Konstruktionsabteilung. Sie arbeiten ständig daran, die Langlebigkeit der Magirusprodukte weiter zu verbessern und durch eine Gewichtsreduzierung eine höhere Nutzlast zu erzielen und damit eine umfangreichere Beladung zu ermöglichen. Etwa 1000 Feuerwehrautos verkauft die Magirus Group jährlich in 130 Länder. Noch sind auf dem Werksgelände im Donautal nicht alle Bauarbeiten abgeschlossen. Dort wo früher die LKW-Kabinen produziert und über eine Brücke in die Montagehalle transportiert worden waren, laufen zurzeit die Umbauarbeiten für das moderne Kundenzentrum. Im Außenbereich entstehen außerdem Seilwindenprüfstrecke, Aufgleisanlage für Zweiwegefahrzeuge sowie Schaum- und Werferübungsanlage für Wurfweiten bis zu 100 Meter. Weiterhin werden Tiefsaugbrunnen angelegt, um den Kunden, anders als am Vakuumpumpenprüfstand, ein Übungserlebnis mit sichtbarer Wasserfontäne zu bieten.
Die Geschichte des von Conrad Dietrich Magirus gegründeten Unternehmens geht bis in das Jahr 1864 zurück. Magirus gilt als Erfinder der „fahrbaren Feuerleiter“. Seit jener Gründerzeit steht sein Name für visionäre Innovationen und höchste Zuverlässigkeit in der Brandschutztechnik.

Von Jens Vogelsang
(Text u. Fotos)

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Blick in die riesige Produktionshalle: Wo früher Lastwagen hergestellt wurden, werden heute auf vier Montagelinien Feuerwehrfahrzeuge gefertigt. (Foto © KFV Herford)

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Das flexible Aluminium-Gerippe für einen Fahrzeugaufbau entsteht.
Mit dem AluFire System hat Magirus 1988 den Markt revolutioniert. (Foto © KFV Herford)

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Der selbst tragende Kofferaufbau ist genau nach Kundenwunsch angefertigt worden und steht auf einem
Rollwagen für den weiteren Innenausbau bereit. (Foto © KFV Herford)

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Ein aufbereitetes Iveco-Fahrgestell „wartet“ auf seine Verwendung in der Produktion. (Foto © KFV Herford)

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TLF 1000 im Finishbereich: Hier werden letzte Feinarbeiten vorgenommen. (Foto © KFV Herford)

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Auf dem Werkgelände stehen TLF 3000 mit Vorbauwinde, die in Kürze in Bulgarien zum Einsatz kommen werden.

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Drehleitern haben das Unternehmen Magirus weltweit bekannt gemacht.
Das Foto zeigt eine Vorführleiter mit dem neuen Logo der Magirus-Group.

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Eine Leiter der Wiener-Feuerwehr (im Vordergrund) und …

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… DL 52 der Feuerwehr Sao Paulo (Brasilien) stehen für eine Generalüberholung bereit.

 

Stichwort: Werkfeuerwehr Inveco Magirus AG

Auf dem weitläufigen Magirus-Werkgelände an der Graf-Arco-Straße gibt es eine Werkfeuerwehr, die von Hauptbrandmeister Markus Gördler geleitet wird und der Abteilung Werksicherheit untersteht. 18 Beschäftigte versehen hier im Dreischichtsystem ihren Dienst. Hinzu kommen vier weitere Mitarbeiter für den Tagdienst. Eine Staffel steht somit rund um die Uhr für den Brandschutz bereit. Die Werkfeuerwehr besetzt zudem den Rettungswagen und arbeitet dadurch eng mit der Werkambulanz zusammen. Außerdem ist die Drehleiter der Magiruswehr in der Alarm- und Ausrückordnung der Feuerwehr Ulm vorgemerkt. Zu rund 650 bis 800 Einsätzen rücken die werkseigenen Brandschützer Jahr für Jahr aus. In der Mehrzahl handelt es sich um kleinere technische Hilfeleistungen und Alarme die durch die Brandmeldeanlage fehlerhaft ausgelöst werden. Auffälligstes Fahrzeug der Wehr ist ein Iveco-Octopus, ein Hilfeleistungstanklöschfahrzeug Trupp mit 2000 Liter Wasser und 200 Liter Schaummittel an Bord, das zuvor bei der Berufsfeuerwehr Duisburg als Vorauslöschfahrzeug im Einsatz war. Außerdem verfügt die Werkfeuerwehr seit kurzem über ein neues Hilfeleistungslöschfahrzeug 20; dabei handelt es sich natürlich ebenfalls um einen Iveco aus konzerneigener Produktion.

-Vo-

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Wache der Werkfeuerwehr Iveco Magirus AG

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Zum Fahrzeugpark gehört ein HLF 20.

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