Fahrzeug des Monats Dezember 2017 - AWD Wartburg

Fahrzeug des Monats

Dezember 2017

Ausrückedienstwagen (ADW) Typ Wartburg 353 W
Fahrzeuge aus der ehemaligen DDR – Teil 6 (wird fortgesetzt)


Technische Daten (für einen Standard Wartburg in ADW-Ausführung)
Hinweis: VEB steht für (die Rechtsform) Volkseigener Betrieb

Fahrgestell (Hersteller)

VEB Automobilwerk Eisenach (AWE)

Typ

353 W („W“ für Weiterentwicklung)

Motor

Zweitakt-Dreizylinder-Ottomotor

Kraftstoff

Zweitaktgemisch 1:50

Hubraum

992 ccm 

Leistung

50 PS (bei 4.250 U/min)

Antriebsart/Radformel

Frontantrieb   

Getriebe

4-Gangzahnradgetriebe (vollsynchronisiert)

Kupplung

Einscheiben-Trockenkupplung

Bremsanlage

Scheibenbremsen (vorne), Trommelbremsen (hinten)

Elektroanlage

Gleichstromlichtmaschine (12 V)

Hauptbeleuchtung

H4-Halogenscheinwerfer

Höchstgeschwindigkeit

ca. 125 km/h

Abmessungen

4,22 m (L) x 1,64 m (B) x 1,50 m (H)

Wendekreis

10,2 m

Kofferraum

525 l

zul. Gesamtgewicht

1.320 kg (Leergewicht: 920 kg)

Ausbau/Ausrüstung
(Konstruktion)

VEB Karosseriewerk Halle
(vormals Ludwig Kathe u. Sohn Fahrzeugbau)
Funkgerät
- Hersteller: VEB Funkgerätewerk RFT Köpenick
- Gerätesystem U 700
- Sendeleistung: 10 W
- UFS 721C Bedienteil mit bis zu 16 schaltbaren Kanälen
- Frequenzbereich 146 – 174 MHZ (2 m Band)
Blaulichter (Doppelblaulichtbrücke)
- Hersteller: VEB Kombinat Fahrzeugelektrik Ruhla
- 2 Drehspiegelleuchten (Blaulichter)
Motorsirene (mittig auf der Brücke angebracht)
Presstonanlage
- Hersteller: Elektris (Ungarn)
- elektronische Sirene „Presston 7512“
- sorgt für einen auf- und abschwellenden „Heulton“
(- gleicher Ton wie bei der Volkspolizei)
Druckkammerlautsprecher
- Hersteller: Elektris (Ungarn)
- 2 x Modell H50S mit jeweils 50 Watt Leistung
- zur Abgabe des Warntons bzw. für Sprechdurchsagen
Kofferraumbeladung
- Feuerlöscher
- Megaphon
- 1 Bodenhindernisleuchte (grün, blau, orange)
- 1 Bodenhindernisleuchte (orange, rot, weiß)
- 5 Verkehrsleitkegel
- Dokumentenkoffer
- Reservekanister
Anhalte-Lampe (auf der Hutablage)
Verkehrs-Regulierstab (Feuerwehrkelle)
- schwarz-weiß lackiert (so wie bei der Volkspolizei)
- an der Beifahrertürverkleidung befestigt

Besatzung

Dienstoffizier (Kommando F)

Produktionszeitraum

1966 - 1989

amtl. Kennzeichen (Beispiel)

VP 06-1234  

Anschaffungskosten

16.950 Mark (Ost) für das Grundmodell

Wissenswertes:
Damals, in den Sechzigern, als die ersten Wartburg 353 im thüringischen Eisenach vom Band liefen, blickten die Menschen im Arbeiter- und Bauernstaat DDR noch zuversichtlich in die automobile Zukunft. Das kantige Design des 353 entsprach dem Zeitgeist und seine Technik konnte mit der westdeutschen Konkurrenz durchaus mithalten. Doch die sozialistische Planwirtschaft entwickelte sich im Verlaufe der Zeit immer mehr zu einer Mangelwirtschaft, und das bekamen auch die Autobauer in der Lutherstadt zu spüren. Ihre auf einem Kastenrahmen montierte Vollblechkarosse, der knatternde Zweitaktmotor und die langen Federwege galten schon bald als überholt und für eine grundlegende Weiterentwicklung fehlten die staatlich reglementierten Ressourcen. Trotzdem wurde das Auto noch 1982 im Verkaufsprospekt des Industrieverbandes Fahrzeugbau (IFA) als „Fortschritt in Funktion“ beschrieben und das DDR-Fachblatt „Der deutsche Straßenverkehr“ attestierte ihm im gleichen Jahr ein „perfektes Federungsverhalten“.

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Der Wartburg 353 W war als Ausrückedienstwagen bei der DDR-Berufsfeuerwehr im Einsatz. Das im Industriemuseum Chemnitz
ausgestellte Fahrzeug verfügt über eine Doppelblaulichtbrücke mit Presstonanlage und Motorsirene. (Foto: gravitat-OFF on Flickr)

Einsatzfahrzeug für SMH, DMH, DHD und Feuerwehr

Der Wartburg 353 wurde 1966 eingeführt. Zweitaktmotor, Frontantrieb und Rohrrahmen gehörten zum Grundkonzept. Für die Optik zeichnete der Eisenacher Designer Hans Fleischer verantwortlich. 1968 kam die Kombivariante unter dem Namen Wartburg Tourist hinzu. Sie wurde im VEB Karosseriewerk Halle (vormals Ludwig Kathe und Sohn Fahrzeugbau) gefertigt. Heckklappe und hintere Kotflügel bestanden aus glasfaserverstärktem Kunststoff. In Halle entstanden auch die Sonderausführungen des Wartburg 353 für die Schnelle-Medizinische-Hilfe (SMH), Dringliche-Medizinische-Hilfe (DMH), den Dringlichen-Hausbesuchsdienst (DHD) und die Feuerwehr. In den Anfangsjahren exportierte die DDR den Wagen sogar als Rechtslenkerausführung nach Großbritannien, wo der Verkauf unter der Bezeichnung Wartburg-Knight („Wartburg-Ritter“) lief. Allerdings stoppten die Briten bereits 1974 den Import des Autos „Made in GDR“ wegen seines nicht mehr zeitgemäßen Zweitaktmotors. Im März 1975 lief der Wartburg erstmals in der „vorsichtig“ weiterentwickelten Version 353 W („W“ für Weiterentwicklung) vom Band. Er verfügte jetzt über Scheibenbremsen vorne; seine Karosserie und der Zweittaktantrieb mit 50 PS blieben dagegen unverändert. Später kamen noch Registervergaser mit Ansauggemisch-Vorwärmeanlage, neue Bremstrommeln und H4-Scheinwerfer als weitere Neuerungen hinzu. Außerdem verlagerten die Konstrukteure den Kühler, der bisher hinter dem Motor lag, nach vorne. Eine Armaturenverkleidung mit Kunstleder und Holzmaserung sowie Nebellichtanlage kennzeichneten die Ausführung Wartburg-Sonderwunsch (353 S). Es gab auch eine Version für den Rallyesport. Der Dreizylinder-Zweitaktmotor des 353 WR brachte es auf 110 PS und sorgte für eine Höchstgeschwindigkeit von 172 Stundenkilometern.
Die weitere Geschichte des Mittelklassewagens aus Thüringen mutet schon grotesk an. Die IFA-Ingenieure hatten einen Vierzylindermotor für das Nachfolgemodell entwickelt. Die 1,6-Liter-Maschine mit 82 PS hätte mit relativ geringen Anpassungen in das „altbewährte“ Chassis des 353 eingebaut werden können. Doch die greise Führung in Ostberlin entschied sich anders. Das Automobilwerk in Eisenach bekam einen Motor von Volkswagen zugewiesen, der allerdings für den Motorraum des Wartburg zu groß war. Erst durch aufwendige Änderungen am Vorderwagen gelang es, die Maschine quer einzubauen. Das erforderte erheblich höhere Investitionen, als sie für den selbstentwickelten Motor nötig gewesen wären.

Führungsmittel für das Kommando F

Die Berufsfeuerwehr der DDR, die dem Ministerium des Inneren (MDI) in Ostberlin unterstand, nutzte den Wartburg als Ausrückedienstwagen (ADW) bzw. Einsatzleitwagen-Ausrückedienst (ELW-A). Die Fahrzeuge waren zumeist an den Volkspolizeikreisämtern Abteilung Feuerwehr stationiert. Sie dienten den Offizieren des Feuerwehrkommandos (Kommando F) als Führungsmittel. Zur Ausstattung des ADW gehörten ein Funkgerätesystem für das 2-Meter-Band und eine Sondersignalanlage mit Doppelblaulichtbrücke, die den in der DDR typischen auf- und abschwellenden Warnton erzeugte. Die zugegeben spärliche Ausrüstung bestand im Wesentlichen aus Feuerlöscher, Megaphon, Warnleuchten, Verkehrsleitkegeln und Dokumentenkoffer. Die Fahrzeuge des Kommandos F waren mit VP-Kennzeichen (für Volkspolizei) ausgerüstet. Die Buchstaben V und P standen übereinander; dahinter folgten eine zweistellige Schlüsselnummer für den Bezirk (z.B. die 06 für Cottbus) und hinter dem Strich eine vierstellige Zahl.

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Das kantige Design des Autos aus den sechziger Jahren blieb bis zur Produktionseinstellung 1991 nahezu unverändert.
Die spärliche Beladung des ADW befand sich im 525 Liter großen Kofferraum. (Foto: gravitat-OFF on Flickr)

Wende läutete Ende ein

Mehr als 1,2 Millionen Wartburg 353 und 353 W produzierte das Automobilwerk in Eisenach von 1966 – 1989. Viele Fahrzeuge wurden in die sozialistischen Bruderländer exportiert, nur wenige gingen als Devisenbringer in das westliche Ausland. Die Nachfrage in der DDR konnte zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd gedeckt werden. Die Wartezeit für einen neuen 353 betrug bis zu 16 Jahre(!). Ganze Familien hatten sich vorsichtshalber in die IFA-Wartelisten eingetragen.
Die Wende läutete gleichzeitig das Ende des Automobilwerks Eisenach ein. 1991 rollte der letzte Wartburg vom Band. Trotz seines modernen VW-Motors war es ein veraltetes Auto, das gegen die westdeutschen Konkurrenzmodelle keine Chance hatte. Übrig geblieben ist lediglich das denkmalgeschützte Gebäude 02 aus dem Jahr 1936, in dem sich bis zuletzt die Verwaltung befunden hatte und heute die Ausstellung „automobile Welt Eisenach“ zu sehen ist. Der Automobilbau hat in der Lutherstadt nämlich eine lange Tradition. Gezeigt werden Fahrzeuge aus allen Produktionsepochen, wie beispielsweise einer der ersten Wartburg-Motorenwagen von 1899, der Kleinwagen Dixi 3/15, der Vorkriegssportwagen BMW 328 und die Nachkriegslimousine EMW 340 (steht für Eisenacher-Motorenwerke). Heute produziert Opel in einem neuen Werk außerhalb der Stadt den Kleinwagen Adam. (Redaktion: kfv-herford.de)

-Vo-

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Der aktive Brandschutz war den Leitern der Volkspolizeikreisämter unterstellt. Im Notfall fuhr der diensthabende Offizier
von dort mit dem Ausrückedienstwagen zum Einsatzort. (Der abgebildete 353 ist nur mit einer Motorsirene ausgerüstet.)
(Foto: Thomas Kohler on Flickr)

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Wartburg 353 MED der Schnellen-Medizinischen-Hilfe (Foto: Toyotaplane T, Wikipedia)

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Der Automobilbau hat in Eisenach eine lange Tradition. Das Embleme des Eisenacher Automobilwerks zeigt die Silhouette der Wartburg. (Foto: Palauenc 05, Wikipedia)

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