Verkehrsunfall mit Bus: Leitstelle löst „ManV-20-Alarm“ aus!

Rettungsdienst und Feuerwehr proben Zusammenspiel

DSC 8631Enger/Kreis Herford. Auf einer Landstraße in Enger ist es zu einem schweren Verkehrsunfall gekommen, bei dem ein Linienbus und zwei PKW beteiligt sind. Zahlreiche Menschen sind verletzt, einige von ihnen schwer. Die Leitstelle löst ManV-Alarm aus (Massenanfall von  Verletzten). Ein solches Szenario haben rund 100 Kräfte von Rettungsdienst und Feuerwehr am Freitagabend (19.06.2026) trainiert. Das Amt für Bevölkerungsschutz beim Kreis Herford hatte die Übung vorbereitet. Beteiligt waren Rettungsdienstmitarbeitende der Kreise Herford und Lippe, das DRK, die Feuerwehren Enger, Bünde und Rödinghausen sowie die DLRG und Johanniter. Landrat Mirco Schmidt, Bürgermeister Stefan Böske, Dr. Steffen Grautoff, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst, und Kreisbrandmeister Bernd Kröger zählten zu den Übungsbeobachtern.

Am frühen Abend versucht die Fahrerin eines weißen Fiat Punto einen silberfarbenen Seat Mii zu überholen. Doch das Manöver misslingt. Die beiden Kleinwagen, besetzt mit jeweils vier Personen, krachen in einer Kurve mit einem entgegenkommenden Linienbus zusammen, in dem 16 Fahrgäste sitzen. So lautet die Ausgangslage der Übung, die auf dem Gelände der Firma CT Formpolster im Industriegebiet Süd in Enger-Pödinghausen stattfindet. Statisten der DLRG und Johanniter mimen die Verletzten. Um den Ernst der Lage zu unterstreichen, hat das gemeinsame Team für Realistische Unfalldarstellung (RUD) Hand angelegt: Aus Modelliermasse und Kunstblut sind erschreckend echt aussehende Prellungen, offene Brüche und Schnittverletzungen entstanden.

Gegen 17:30 Uhr erreicht die Leitstelle in Hiddenhausen-Eilshausen ein erster Notruf.
Der Disponent löst zunächst „ManV Stufe 10“ (Massenanfall von bis zu zehn Verletzten) und „VU klemmt Stufe 3“ aus (Verkehrsunfall mit mindestens einer eingeklemmten Person). „Bus gegen PKW, mehrere Verletzte, genaue Anzahl unklar“, lautet die Alarmdurchsage per Funk. Vom Bereitstellungsraum an der Dieselstraße machen sich sofort zwei Notarzteinsatzfahrzeuge und zwei Rettungswagen auf den Weg zur „Unglücksstelle“ – weitere folgen zeitlich versetzt.

Auf einer „Landstraße“ sind zwei PKW mit einem Bus kollidiert.


DSC 8576Zahlreiche „Verletzte“ müssen versorgt werden.


DSC 8642Die Einrichtung einer „strukturierten Patientenablage“ zählt zu den Übungsaufgaben.


DSC 8538Gehören zum „Planungsstab“: (v.l.) Stellv. Kreisbrandmeister Holger Klann,
Jan Hendrik Schulte (Kreis Herford) und Simon Bertram (Kreis Herford).

 

Sichtung der Verletzten

Notarzt Svetoslav Marimov und Notfallsanitäter Nils Stehrenberg sind als erste vor Ort. Sie versuchen sich einen ersten Überblick zu verschaffen. „Wichtig ist, die zügige Sichtung aller Verletzten und möglichst schnelle Identifikation der Schwerverletzten“, erklärt Marimov. Doch das ist bei einem solch schweren Verkehrsunfall mit vielen verschiedenen Verletzungsmustern, so wie in der Übung dargestellt, gar nicht so einfach. Nach und nach treffen weitere Retter ein. Vor Ort sind jetzt Rettungsdienstmitarbeitende des Kreises Herford und der Stadt Herford sowie mehrere DRK-Einheiten der Kreisverbände Herford-Land und Herford-Stadt mit Notarzteinsatzfahrzeugen, Rettungswagen, Krankenwagen und Gerätewagen Sanität. Außerdem ist die Feuerwehr Enger mit starken Kräften angerückt. Feuerwehrleute aus Bünde, Rödinghausen und von der Kreisfeuerwehrzentrale unterstützen sie bei ihrer Arbeit. Michael Watol übernimmt als Leitender Notarzt (LNA) die medizinische Gesamtleitung, Leon Gamrath steht ihm als Organisatorischer Leiter Rettungsdienst (OrgL) zur Seite.

Verletzten-Anhängekarten helfen den Einsatzkräften dabei, die Patienten zu priorisieren.  Anhand von genormten Farben wird der Schweregrad der Verletzung markiert. Die Lageerkundung ergibt: Insgesamt sind 19 Personen verletzt, davon sechs sehr schwer (Kategorie rot), acht mittelschwer (Kategorie gelb) und fünf leicht (grün). Zudem gibt es fünf Personen, die unverletzt geblieben sind und damit als „Betroffene“ gelten. In Anbetracht der Lage löst die Leitstelle um 18:02 Uhr ManV-20-Alarm aus (Massenanfall von bis zu 20 Verletzten). Weitere Einheiten des Rettungsdienstes, darunter Notarzt und Rettungswagenbesatzung aus dem Nachbarkreis Lippe, eilen aus dem Bereitstellungsraum zur „Unglücksstelle“.

 

DSC 8615Die Feuerwehr Enger setzt hydraulisches Rettungsgerät ein.

 

Technische und medizinische Rettung

Rettungsdienst und Feuerwehr arbeiten eng zusammen. Die technische Rettung läuft in den Einsatzabschnitten 1 und 2, die medizinische Rettung im Abschnitt 3 und für die Betreuung der „Betroffenen“ gibt  es den Abschnitt 4. Die Fahrerin des Seat Mii schreit um Hilfe. „Sie ist schwerverletzt im Fahrzeug eingeklemmt“, sagt Heiko Janßen, der den Einsatz der Feuerwehrleute leitet. „Der Leitende Notarzt hat die Sofortrettung angeordnet.“ Einsatzkräfte des Löschzugs Enger-Mitte entfernen daraufhin die Fahrertür und die B-Säule mit hydraulischen Rettungsgeräten, um eine große Zugangsöffnung zu schaffen. Das Dach des Kleinwagens wird ebenfalls abgetrennt. Schließlich kann die Fahrerin befreit und auf einer Vakuummatratze gelagert werden. Zudem wird eine  leichtverletzte Mitfahrerin aus dem Fond des Seats in Sicherheit gebracht.

Eine junge Frau, die auf der Rückbank des Fiat Puntos gesessen hat, zählt mit einer „lebensbedrohlichen Handverletzung“ ebenfalls zur „Kategorie rot“. Die Beifahrerin des Fiats, sie hat der Notarzt der „Kategorie gelb“ zugeordnet, wartet noch auf Rettung. Der Löschzug Enger-Dreyen nimmt ebenfalls Spreizer und Schere vor, um sie patientenschonend zu befreien. Die Besatzung des Löschgruppenfahrzeugs 10 aus Enger Oldinghausen-Pödinghausen kümmert sich in der Zwischenzeit um den Brandschutz und die Verkehrsabsicherung.   Marleen Bitter, Daniel Glodeck und Peer Steinhard vom Rettungsdienst der Stadt Herford behandeln währenddessen eine Businsassin, die sich einen „Lungenkollaps“ (Spannungs-Pneumothorax) zugezogen hat und jetzt „nach Luft ringt“. Andere Notfallsanitäter kümmern sich um den Busfahrer, der im Gesicht kreidebleich ist. Er hat einen „Herzinfarkt“ erlitten, wie die Untersuchungen ergeben.

Feedbackfragebogen

Die Rettungskräfte richten eine „strukturierte Patientenablage“ ein, wo die weitere Erstversorgung der Verletzten erfolgt. Die Kreiskliniken Herford-Bünde sind ebenfalls in das Übungsgeschehen eingebunden.  Soweit es der Krankhausbetrieb zulässt, sollen zwei „Patienten“ mit dem Rettungswagen in die Notaufnahme „eingeliefert werden“. Die anderen werden zum „virtuellen Krankenhaus“ an der Kreisfeuerwehrzentrale gebracht.

Am Ende bedankt sich Silke Vahrson-Hildebrand, die Leiterin des Amtes für Bevölkerungsschutz, für den gezeigten Einsatz bei hochsommerlichen Temperaturen. „Landrat und Bürgermeister konnten sich davon überzeugen, dass im Notfall alle Kräfte ineinandergreifen und die Verletzten in tatkräftige, engagierte Hände kommen.“ Ein weiteres Dankeschön richtet Vahrson-Hildebrand an das Unternehmen CT Formpolster und den Omnibusbetrieb Kuhlmann. Die Erkenntnisse aus der Übung, die in dieser Größenordnung zuletzt vor rund zehn Jahren stattfand, sollen nun per Feedbackfragebogen ausgewertet werden. „Danach werden alle Beteiligten zu einer Videokonferenz eingeladen“, sagt Simon Bertram, Abteilungsleiter beim Kreis Herford, der die Übung gemeinsam mit Matthias Brand (med. Leitung), Holger Klann (stellv. Kreisbrandmeister), Jan Hendrik Schulte (Kreis Herford) und Pauline Kriens (Kreis Herford) ausgearbeitet hat. Kreisbrandmeister Bernd Kröger kündigt bereits weitere realitätsnahe Großübungen von Rettungsdienst und Feuerwehr an. „Das ist mit einem einmaligen Training nicht abgeschlossen!“

                                                                                                                                  Jens Vogelsang

                                                                                                                                  (Text u. Fotos)   

 

DSC 8528Das Team für Realistische Unfalldarstellung bei den Vorbereitungen.


DSC 8539Die Statisten haben ihre Plätze eingenommen.


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DSC 8545Hinweis: Die Verletzungen sind nachgestellt!


DSC 8544(v.l.) Bürgermeister Stefan Böske und Landrat Mirco Schmidt zählen zu den Übungsbeobachtern.


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DSC 856916 Fahrgäste müssen im Linienbus versorgt werden.


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DSC 8580(v.l.) Kreisbrandmeister Bernd Kröger und Dr. Steffen Grautoff, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst


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DSC 8591(v.l.) Leon Gamrath, Organisatorischer Leiter Rettungsdienst, und Leitender Notarzt Michael Watol.


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DSC 8631Mit vereinten Kräften wird eine verletzte Autofahrerin befreit.


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DSC 8652(v.l.)  Marco Kauling (Klinikum Herford), Michael Watol (Leitender Notarzt) u. Kreisbrandmeister Bernd Kröger


DSC 8654Felix Rieke (DLRG) und seine Statisten haben die Retter ordentlich ins Schwitzen gebracht.


DSC 8655Gerätewagen Sanität des DRK zur Versorgung von 25 Verletzten oder Erkrankten


DSC 8659Führungsfahrzeug der Medizinischen Taskforce 33 (Herford/Minden-Lübbecke/Bielefeld), stationiert beim DRK in Löhne