Eine normale Reaktion auf eine unnormale Situation

PSU-Helferausbildung in Herford und Rödinghausen

DSC 0261Kreis Herford/ Herford/ Rödinghausen. Die Helfer der Feuerwehr und des Rettungsdienstes haben keine einfache Aufgabe. Manchmal bekommen sie solch grauenhafte Unfallbilder zu sehen, dass sie Probleme haben, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Wenn die Seele leidet, wird der Körper krank: Das Feuerwehrteam für die Psychosoziale Unterstützung (PSU) hilft den Einsatzkräften in einer solchen Situation. „Seit dem Sommer ist das PSU-Team der Feuerwehr einsatzbereit“, so Sven Büttner, der die Einheit leitet. Jetzt bildete der Kreisfeuerwehrverband 17 weitere PSU-Helfer aus. Sie nahmen an einer Seminarveranstaltung teil, die an der Feuerwache Herford und im Jugendgästehaus des Kreises Herford in Rödinghausen standfand (15. – 16.11.2019 sowie 29.11. – 1.12.2019). Zum Teilnehmerkreis zählten ehrenamtliche Feuerwehrleute aus dem gesamten Wittekindsland und Rettungsdienstmitarbeiter der Hauptamtlichen Wachen Herford und Bünde.

Vor einigen Wochen kam es in Hiddenhausen zu einem Wohnungsbrand. Die Feuerwehr hatte keine Chance, einem 33-jährigen Mann das Leben zu retten. Die Einsatzkräfte fanden ihn dort, wo das Feuer am heftigsten gewütet hatte. An der Unglücksstelle herrschte fassungsloses Schweigen. Einige Feuerwehrleute hatten in dem Gebäude schockierende Bilder zu sehen bekommen. Das PSU-Team der Feuerwehr übernahm ihre Betreuung im Gerätehaus Eilshausen. In einer Gesprächsrunde schilderte jeder Beteiligte die Situation aus seiner Sicht und mit seinen ganz individuellen Worten. „Das Gruppengespräch hat den Einsatzkräften geholfen, ihre Gefühle zu zeigen und damit die belastenden Eindrücke zu verarbeiten“, erläuterte PSU-Ausbilder Marco Kretschmer während der Ausbildungsveranstaltung in Rödinghausen, die insgesamt rund 30 Stunden umfasste. „Manchmal fließen in einer solchen Einsatznachbesprechung auch Tränen.“ Niemand müsse sich dafür schämen. Im Gegenteil: „Dann fassen auch andere Kameraden den Mut, ihre Empfindungen offen zu zeigen!“

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Die Helfer von Feuerwehr und Rettungsdienst sind im Einsatz oftmals psychisch belastenden
Situationen ausgesetzt. (Foto: Michael Ehresmann, Wiesbaden 112.de)

PSU-Helfer sind gute Zuhörer!

Der Aufbau von Gruppen- und Entlastungsgesprächen sowie die eigentliche Gesprächsführung standen im Mittelpunkt der Internatsveranstaltung. Den Teilnehmern wurde schnell klar, dass sie in ihrer künftigen Funktion als PSU-Helfer besonders konzentriert und aufmerksam zuhören müssen. „Ohne aktives Zuhören und gezieltes Nachfragen ist kein kontrollierter Dialog möglich, der schließlich den Erfolg der Psychosozialen Unterstützung ausmacht“, erklärte Teamleiter Sven Büttner. Die Seminarteilnehmer trainierten die „effektive Kommunikation auf Sender- und Empfängerebene“ anhand von Rollenspielen. Sie lernten zudem die ethischen Prinzipien in der Feuerwehr kennen. Verantwortungsbewusstsein steht bei den Wehrleuten an erster Stelle. Aber auch Ehrlichkeit, Solidarität, Sorgfalt und Vertrauen zählen zum „Feuerwehrkodex“. Die angehenden PSU-Helfer verschafften sich außerdem einen Einblick in die religiösen Besonderheiten, die beispielweise im Islam gelten. „Wir möchten mit den Menschen in einer Notsituation respektvoll umgehen“, so PSU-Ausbilderin Katrina Meyer.

PSU bietet auch in alltäglichen Lebenskrisen Hilfestellung

Dass die psychische Belastungsgrenze der Retter bei einem Extremeinsatz überschritten werde, sei quasi eine ganz normale Reaktion des Körpers auf eine unnormale Situation, so Büttner. Das PSU-Team leistet mit seinem Gesprächsangebot erste wertvolle Hilfe, damit die Betroffenen ihre Erlebnisse psychisch verarbeiten können. Die geschulten Kräfte erkennen aber auch, wann Ihre Hilfe nicht mehr ausreicht. „Kommt es nach Ablauf von sechs Wochen immer noch zu Schlafstörungen, mangelnder Konzentration oder Depressionen, ist professionelle medizinische Hilfe notwendig!“ Die Psychosoziale Unterstützung kann den Einsatzkräften auch bei alltäglichen Lebenskrisen, die etwa auf familiäre Schwierigkeiten oder Alkoholprobleme zurückzuführen sind, Hilfestellung bieten.
Das PSU-Team leistete in diesem Jahr bereits 120 Einsatzstunden. Zuletzt waren Büttner und seine Leute bei einem schweren Verkehrsunfall in Bünde gefordert. Immer öfter werde die Psychosoziale Unterstützung auch von den Mitarbeitern des Rettungsdienstes in Anspruch genommen, schilderte der Teamleiter. „Es gab Fälle, wo Notfallsanitäter körperlich angegriffen und verletzt wurden!“ Sie hätten anschließend unter Angstzuständen gelitten. Die PSU-Einheit werde in den kommenden Monaten zu einer PSU-Komponente ausgebaut, die auch über die Kreisgrenzen hinweg zum Einsatz kommen könnte, kündigte Kreisbrandmeister Bernd Kröger an. „An einem entsprechenden Landeskonzept wird zurzeit gearbeitet.“

Jährliche Fortbildungsveranstaltung gefordert

Am Ende des PSU-Seminars zogen die Teilnehmer ein positives Fazit. „Ich fühle mich gut vorbereitet, um anderen Unterstützung geben zu können“, sagte etwa Sven Vater von der Feuerwehr Rödinghausen. Die frisch ausgebildeten PSU-Helfer hielten außerdem eine jährliche Fortbildungsveranstaltung auf Kreisebene für sinnvoll. Während des ersten „Aufbauseminars“ solle das Thema „Trauer, Tod und Sterben“ behandelt werden, wurde mehrheitlich entschieden. „Wir werden den Wunsch sehr ernst nehmen“, sagte Ausbilderin Katrina Meyer.

Von Jens Vogelsang
(Text u. Fotos)

Das „PSU-Team Kreis Herford“ ist jederzeit unter der E-Mail Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder der Telefonnummer der Kreisleitstelle (05223/99110) erreichbar.

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Das PSU-Team des Kreises Herford ist seit Sommer dieses Jahres einsatzbereit.

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Weitere PSU-Helfer werden an der Feuerwache Herford und im Jugendgästehaus in Rödinghausen (Foto) ausgebildet. Der Kreisfeuerwehrverband veranstaltet erstmals ein solches Seminar.

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Feuerwehrleute und Rettungsdienstmitarbeiter aus allen Teilen des Kreisgebietes nehmen daran teil.

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Das Seminar umfasst rund 30 Unterrichtsstunden.

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PSU-Ausbilder Marco Kretschmer zeigt, ...

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... welch schlimme Bilder die Einsatzkräfte manchmal zu sehen bekommen und
wie wichtig die Psychosoziale Unterstützung deshalb ist.

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Die psychische Belastungsgrenze der Retter wird in Extremsituationen überschritten.
Das ist eine normale Reaktion des Körpers auf eine unnormale Situation.

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Die Vorstellung von Gruppenarbeiten und ...

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... Rollenspiele gehören zum Unterrichtsprogramm.

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Die angehenden PSU-Helfer trainieren die Gesprächsführung: Zwei Teilnehmer führen den Dialog, während ein dritter die Regeleinhaltung überwacht.

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Der „Feuerwehrkodex“ steht ebenfalls auf der Tagesordnung.

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Auf dem Buchmarkt gibt es einige Publikationen, die für Betroffene aber auch die PSU-Helfer eine gute Unterstützung sein können.

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Das PSU-Team im Kreis Herford wird künftig durch 17 PSU-Helfer unterstützt.

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Das PSU-Ausbilderteam mit (v.l.) Jörg Schumacher (Kreisleitstelle), Christian Meier (Löhne),
Katrina Meyer (Spenge), Sven Büttner (Herford) und Marco Kretschmer (Bünde).

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Die Semiarteilnehmer wünschen sich jährliche Fortbildungsveranstaltungen, die ebenfalls in Rödinghausen stattfinden könnten.